Geburtstag

Es ist Ostersonntag.

Morgen wird unsere jüngste Tochter 2 Monate alt.

Damals im Krankenhaus musste ich darüber nachdenken, wieviel doch diese ersten Versorgungstage eines Neugeborenen mit der Zeit von Karfreitag bis Ostersonntag gemeinsam haben.

Im Krankenhaus nach der Geburt hatte ich nach langer Zeit einmal wieder sehr viel Zeit. Unsere nun älteste Tochter (seit kurzem 2 Jahre alt) ist ein echter Sausewind. In diesem Krankenhaus nur mit einem Baby drei Tage allein zu sein war für mich eine Oase. Obwohl meine Zimmernachbarin den ganzen Tag über häufig wechselnde Besucher in Großgruppen empfing.

In dieser ersten Zeit geht es hauptsächlich um Grundbedürfnisse – schlafen und essen, bzw trinken. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten so ein Baby zu ernähren. Die zwei Grundoptionen sind: Stillen oder Flaschennahrung. Wenn man sich, wie in meinem Fall für’s Stillen entscheidet gibt es in den ersten Tagen so einige Hürden zu überwinden.

Man hat gerade diese Geburt zusammen überstanden. Ein Erlebnis das mit nichts anderem so wirklich zu vergleichen ist. Bisher unbekanntes Land wurde gemeinsam erobert und betreten, eine neue Wirklichkeit hat begonnen. Das Baby betritt eine neue Welt. Wir, die Mütter und Väter waren zwar schon da, und doch wird in dieser Welt für uns nichts mehr genauso sein wie vorher. Eine neue Ära hat begonnen.

Jesus läutet an Karfreitag mit seinem Tod eine neue Ära ein. Noch sieht es nicht so aus. Noch ist augenscheinlich nichts Außergewöhnliches passiert. Tote und Gekreuzigte gab es täglich. In Massen. Und doch beginnt hier schon der Neuanfang hinter den Kulissen. An einigen Zeichen im Verborgenen wird es bereits sichtbar. Der Vorhang im Tempel zerreisst.

Nun beginnt die Zeit zwischen Tod und Auferstehung. Zwischen dem Ende der bekannten Welt und dem vollständigen Eintritt in die nächste Existenz. Das Baby braucht Zeit. Zeit, sich an die neue Nahrungsaufnahme zu gewöhnen. Der ganze Körper muss da durch. Die gefürchteten 3-Monats-Koliken zeugen davon, dass diese Umstellung Zeit braucht und nicht ohne Kampf und Schmerzen abgeht. In dieser Zwischenzeit, bis sich das Baby vollständig zurecht findet in dieser neuen Welt, komplett angekommen ist, sind wir gefragt. (Nach dieser Zeit sind wir natürlich auch noch gefragt, aber in diesen ersten drei Tagen gilt es, eine besondere Ausdauer und vor allen Dingen, ein besonderes Vertrauen an den Tag zu legen. Ein Vertrauen zu sich selbst und zu… nennen wir es „der Natur“.)

Ich finde es bemerkenswert, dass es 3 Tage sind. 3 Tage zwischen Tod und Auferstehung. 3 Tage zwischen Geburt und Milcheinschuss. Denn in dieser ersten Zeit nach der Geburt gibt es für das Neugeborenen lediglich die sogenannte „Vormilch“. Diese erste Milch ist allerdings etwas ganz besonderes, sie enthält alle wichtigen Nährstoffe, die so ein gerade zur Welt gekommenes Baby braucht.

Und dennoch hat diese Vormilch so ihre Tücken. Sie ist nämlich für unsere Augen kaum vorhanden. Die Frauen, die Stillprobleme haben (am Anfang) müssen abpumpen und können dann mit einer Pinzette versuchen, diese winzigen Tropfen Vormilch aufzufangen, um sie dem Baby möglichst vollständig in das Mündchen zu träufeln. Die stillende Frau hat gar keine Anhaltspunkte, wieviel Milch da überhaupt aus ihrem Busen kommt und hofft und bangt und vertraut.

Denn es ist so: Die Babys nehmen an Gewicht ab in diesen ersten Tagen. Ziel ist es, dass die Neugeborenen möglichst nicht mehr als 10% ihres Geburtsgewichtes verlieren. Andernfalls werden alle ganz aufgeregt und raten dringend zur Zufütterung. Während man nun also hofft, dass das Baby tatsächlich ausreichend versorgt wird, denn nachzuprüfen ist es ja leider nicht, prasseln verschiedene Stimmen von außerhalb auf das frisch gebondete Mutter-Kind-Paar ein:

„Geben sie doch noch zusätzlich etwas Flaschennahrung. Für alle Fälle. Ihr Kind macht so einen müden Eindruck.“

„Auf keinen Fall zufüttern. Vertrauen sie sich und ihrem Körper. Ist das Baby einmal an die Flasche gewöhnt, wird es faul werden und nicht mehr an der Brust trinken wollen.“

Diese Ratschläge können sich täglich, je nach Länge der Schichten der einzelnen Krankenhausmitarbeiter von Stunde zu Stunde ändern und widersprechen. Der neu geborenen Mutter bleibt nun also die Qual der Wahl: Sich entweder am 3.Tag (dem Tag der Entlassung) vorwurfsvolle Blicke einzuhandeln – „Sie hätten ihr Kind beinahe verhungern lassen! Es hat mehr als 10% abgenommen!“ oder mit der Gefahr zu leben, nach dem Krankenhausaufenthalt nicht mehr Stillen zu können (wie sie es sich eigentlich erträumt hätten), weil das Kind die Flaschen einfach viel cooler findet.

In mir fanden in dieser Zeit ständig innere Kämpfe statt. Soll ich? Soll ich nicht? Was ist wenn? Ist vielleicht bereits…? Es war ein ewiges auf und ab, ein andauerndes neues Aufwühlen alter Entscheidungen. Wenn ich davon ausgehe, dass Muttermilch das Beste ist, was ich meinem Kind geben kann, dann lohnt sich dieser Kampf.* Sicher. Und doch, es werden Kinder auch ohne Muttermilch groß. Was ist, wenn ich mein Kind für dieses, mein Ideal verhungern lasse?

Und dann. Nach drei furchtbaren Tagen der Ungewissheit, der Ängste und Zweifel. Das große Aufatmen: Die Milch läuft. Spürbar. Sichtbar. Für alle. Offensichtlich. Das Kind wird versorgt. Es wird leben. Ich kann es am Leben erhalten, bin fähig es zu ernähren.

Ich sehe diese Jünger vor mir. Sie hatten ein Bild vor Augen. Hatten sich das schon ausgemalt, konnten sich alles genau vorstellen: Wie Jesus das Schwert in die Hand nimmt und sie endlich wie versprochen zur Freiheit führt. Beginnend mit einem vernichtenden Schlag gegen die Römer.

Die wunderbare, friedliche Symbiose einer stillenden Mutter mit ihrem Neugeborenen, die man aus Büchern kennt.

Doch dann stirbt er. Das neue Reich, die neue Welt von der er sprach, war wohl doch nur eine Illusion. Verzweiflung. Zerstörte Vorstellungen, auf die die Jünger tatsächlich ihr ganzes Leben gesetzt haben.

Schmerzende Brustwarzen. Verrutschende Stillhütchen. Im schlimmsten Fall Flachwarzen. Stillen schier unmöglich.

Wo ist Gott in meiner Not? Was wurde aus seinen Versprechungen?

Warum hat mir nie jemand davon erzählt wie scheiße stillen eigentlich ist? Wie weh das tut? War noch mehr davon, was mir diese strahlenden Muttis über Mutterschaft erzählt haben erstunken und erlogen? Haben sie noch mehr weggelassen um mir nicht den Mut zu verderben, es selbst einmal zu versuchen? Was kommt da noch auf mich zu? Was wurde mir noch verschwiegen?

Hat er mit Absicht immer in diesen Bildern gesprochen, um uns die Wahrheit schonender beizubringen? Wären wir mit ihm gegangen, wenn wir das gewusst hätten?

Hätte ich je ein Kind gewollt, wenn ich das gewusst hätte?

In dieser Momentaufnahme sagen sie wahrscheinlich beide „Nein“.

Doch nach Ostersonntag? Nachdem sich die Fütterung dann eingespielt hat?

Ist man dann nicht froh dabeigeblieben zu sein, durchgehalten und vertraut zu haben? Wer hätte je diese Freude voraus geahnt, die aus diesem Start hervorgegangen ist? Dieses neue, hoffnungsvolle Leben!

 

*Ich verurteile keine Frau, die ihr Kind aus welchem Grund auch immer nicht stillt. Ich selbst würde es unter bestimmten Umständen nicht bis zum letzten Durchziehen. Aber für dieses Bild, möchte ich diesen inneren Kampf auf diese Art und Weise beschreiben.

 

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